Erst kommt das Fressen, dann die Moral.

BURGERAMT ALBUM REVIEW #1 by OLAF KLEIN

Credibil – Molokopf EP – Review
Lange hat es gedauert, bis ich wieder Lust und Kraft hatte, etwas zu schreiben und in den Deutschrap- Kosmos einzutauchen. Auch wenn es unserer Kultur so gut wie noch nie geht und wir langsam von der Öffentlichkeit die Aufmerksamkeit bekommen die wir schon lange verdient haben, war und ist mir zu viel belangloses Zeug unterwegs. Alles dreht sich nur noch um Verkaufszahlen, Statements, gefolgt von Statements zu den Statements, Beef Meef, virtuellem Heck Meck und wer wessen Mutter am besten penetriert. Hinzu kamen private Kopfficks, die jeglicher Kreativität die Luft genommen haben. Aber jetzt, wo die ersten Sonnenstrahlen den Frühling einläuten und die „Tür" in mir für etwas Neues geöffnet wurde, fühle ich es wieder: MUSIK! Danke dafür, Chrissie.
Vor fast genau einem Jahr fand im Astra Berlin die Burgeramt Vol. 2 Jam statt und ich hatte als Gast des Veranstalters das Vergnügen, Credibil und seine Jungs Backstage kennenzulernen und später auf der Bühne live zu erleben. Und eins ist Fakt: dieser Junge ist Rap bis in die Arschbacken. Gesegnet mit einer unfassbaren Ausstrahlung, Delivery, der richtigen Stimme und einzigartigem Flow konnte aus Cre nichts anderes werden, als einer der talentiertesten Rapper der letzten Jahre. Wie hat Max Herre vor einigen Jahren so schön in einem Interview gesagt: Der nächste große Deutschrapwurf wird ein MC sein, der eine Mischung aus Köpfchen und Straße in sich trägt: Willkommen zur Credibil Show!
Aufmerksam geworden bin ich auf ihn durch Mikis von der Famefabrik, der vor Jahren als einer der ersten seine Acapella Videos „Lebenslauf", „Mensch" und „Interview" postete und seinen kompletten Freundeskreis regelrecht nötigte, diesem Typen namens Credibil zu lauschen. Und er hatte recht! Unglaublich, was da aus dem Mund des Frankfurter's kam, wenn man bedenkt, daß er damals gerade 18 Jahre jung war. „Aber sag du mir, ist es gut dafür zu sterben, dass dein Stammbaum wächst. Doch Wurzeln unter der Erde können nie mit Blut bewässert werden, weil sonst der scheiß Baum fällt. Das heißt, scheiß drauf, denn all die Wunden sind gleich. Denn tötest du deinen Bruder, is´am Ende trotzdem deine Mutter die weint" Selten zuvor hatte mich Storytelling auf Deutsch so umgehauen und man bekam einen ersten Eindruck, was da auf uns zugerollt kommt. Doch anstatt ein klassisches Solodebut in die Plattenregale der Republik zu stellen, präsentiert der Jiggo im Dezember 2013 sein „Deutsches Demotape" als kostenlosen Download, huldigt seinen Vorbildern Azad, Kool Savas, Bushido, Casper, Olli Banjo, Curse, den Absoluten Beginnern, Samy Deluxe, Moses Pelham und veredelt einige ihrer größten Hits mit seinen goldenen Zeilen: „Ich bin jung und alles in Hektik um mich herum. Ich würd gern sagen, wo ich steh, doch meine Welt ist verstummt. Ich schrieb jahrelang nur Texte, kein Griff nach dem Mic. Lieber still bewusst schweigen, anstatt sinnlos zu schreien..." Punkt!
Nach Begeisterungsstürmen der gesamten HipHop Medienlandschaft, Respektsbekundungen von Kindheitshelden wie Azad, Kool Savas, Moses Pelham oder Curse und durchweg positiver Resonanz der Zuhörerschaft scheint der Druck für das Nachfolgewerk des Ausnahmetalents enorm zu sein. Credibil wäre nicht der erste Rapper, der an den hohen Erwartungen scheitert und als ewiges Wunderkind in einer verstaubten Kiste im Rapkeller verschwindet. Das diese Sorge völlig unbegründet war, zeigte sich, als Anfang Januar 2015 mit „Schlaflos" der erste Track inkl. Mikis Fontagnier Streifen ins Rennen geschickt wurde. Ein Monster von einem Beat und ein sichtlich gereifter Cre, der seine Reime on Point auf das Instrumental packt, machen verdammt nochmal übertrieben Bock auf mehr.
Am 27.02.2015 erblickte dann endlich die „Molokopf" EP das Licht der Welt und was dem geneigten Hörer auf 8 Tracks geboten wird, kann man getrost als ganz großes Tennis bezeichnen. Ganz klassisch wurde die komplette Produktion der EP von The Cratez übernommen, einem jungen Duo aus Göttingen, daß unter anderem schon für US Act's wie Young Buck, Sean Price, Chinx Drugz oder Three Six Mafia an den Reglern saß. Getreu nach dem Motto „Viele Köche verderben den Brei" standen The Cratez allein in der Beatküche und zauberten ein 8-Gänge Menu aus einheitlichem Klangbild und perfektem Soundteppich für Credibil's Lyric's. Der Opener „Doppelpunktklammerzu", in dem Cre seine Liebe zur Musik berappt, markiert auch gleich einen meiner persönlichen Favorites. Untermalt von einem wundervollen Instrumental zeigt Credibil, dass er mit seinen Worten Bilder im Kopf des Hörers erzeugen kann. „Wir beginnen da, wo alles anfing. An dem Tag als Mikis sagte: Bruder, du musst Karma an die Hand nehm'! Geh und schenk dieser pechschwarzen Welt ein strahlend weißes Lächeln, der Rest klärt sich von... selbst" Weiter geht's mit der nächsten Anspielstation „Halb voll, halb leer" und ich bekomme Lust, alles stehen und liegen zu lassen, meine Jungs anzurufen, ein paar Flaschen aufzumachen und irgendwo im Park zu chillen. Richtig großartig wird der Track aber erst, wenn zur Mitte der Beat switched und mit runter gepitchten Vocals der 2. Part eingeläutet wird. Es folgen der Titeltrack „Molokopf" und „Der Jiggo", in dem Credibil zeigt, dass man traplastige Beats auch in gut berappen kann. Auf „Ruf nach den Gangstern" fliegt der Jiggo über den Beat und man wird vom ersten Featuregast der EP begrüßt: Said, der einen gewohnt starken Part abliefert. „Meine Jungs sind King" thematisiert die Existenzängste und Hoffnungslosigkeit einer ganzen Generation und zählt lyrisch zu einem der stärksten Songs. Unterstützt wird der Frankfurter von seinen alten Weggefährten Belabil und Frustra, der mit seiner „Melancholie" EP eines meiner 2014er Highlights abgeliefert hat. Schlusspunkte sind „Spotleid" (cooles Wortspiel) und das bereits erwähnte „Schlaflos". Feierabend... und Repeat!
Ich sage diesem Jungen, der mit seinem Lachen einen ganzen Raum erstrahlen lassen kann, eine große Zukunft voraus und danke Mikis, der seit Tag 1 an Credibil geglaubt und ihn unterstützt hat.